Montag, 2. Februar 2009

Tatort: Discount

Es war wohl gar nicht so dumm, dass sich die Presseabteilung des Lidl-Konzerns nicht laut über den hervorragenden Ludwigshafener Tatort mit Ulrike Folkerts von gestern empört hat. Ansonsten wäre die Aufmerksamkeit noch größer gewesen und geworden als die ohnehin schon starken 8,72 Millionen Zuschauer vor den Fernsehgeräten. Ausgenommen davon sind die zahlreichen Tatort-Public-Viewing-Veranstaltungen - das macht der wahren amerikanischen Bedeutung auch alle Ehre. Zudem berichteten eigentlich alle Medien über die Ludwigshafen-Folge. Der gesellschaftskritische Krimi handelt von den Arbeitsverhältnissen denen sich die Mitarbeiter der fiktiven Discounterkette "Billy" aus Existenzgründen beugen müssen. Selbstverständlich wurde in den 90 Minuten nicht explizit auf Lidl eingegangen. Der Vergleich liegt aufgrund des einen oder anderen Skandals freilich nah. Den naheliegenden Slogan "Billy ist billig" sah ich übrigens nirgends. Wie die Geschäftsführer und Gebietsleiter seine Mitarbeiter unter Druck setzen, zeigt ein Satz wie dieser:
"Du darfst dein Glück auch bei Aldi, Lidl, Netto, Penny oder Hart IV versuchen."
Um nicht auf den Verdacht der Schleichwerbung zu kommen, wurden einfach mal alle Ketten genannt. Arbeitnehmer, die einen Betriebsrat fordern werden mit Vorwand, z.B. Geldentwendung aus der Pfandkasse, entlassen oder eben mit Testkäufern zu den entscheidenden drei Abmahnungen gejagt. Natürlich kann ich nicht beurteilen wie nah die gezeigten Situationen an die Realität herankommen, dennoch ist davon auszugehen, dass diese Umgangsformen in Teilen Realität sind.
Ärgern wird sich dennoch vor allem die Führung von Lidl, schließlich verbindet man schlechte Arbeitsbedingungen als erstes mit dem Neckarsulmer Konzern. Deswegen verstecken sich viele Konsumenten auch hinter Aldi, Netto oder Penny, obwohl nicht ernsthaft davon auszugehen ist, dass es dort bessere Bedingungen gibt. Es sollte jedem Kunden als Abrschreckung dienen, dass Mitarbeiter so behandelt werden. Trotzdem werden auch heute wieder zahlreiche Kunden die diversen Märkte besuchen. Mit einem ganz einfachen Grund: Es ist günstig. Als Konsument müssen wir uns klar sein, dass hinter dem billigen Preis auch billige Arbeitsbedingungen sind und dennoch ist es logisch, dass man auch zukünftig aus wirtschaftlichen Gründen nicht jeden Besuch im Discounter vermeiden kann. So ist das eben mit dem Preis und der "sozialen Marktwirtschaft".
Ob der Umsatz nach dem Skandal vor einem Jahr gesunken ist, weiß ich gar nicht. Dass der Konzern Lidl alles dagegen getan hat, dass das nicht so ist, ist sein gutes Recht und hat er auch getan. In den Filialen werden kleine Prospekte mit PR-Gesülze ausgelegt, neue, schöne und freundliche Farben genutzt, eine riesengroße "Lidl lohnt sich"-Kampagne aufgezogen und ein überaus pathetischer Werbespot dazu geschaltet. All das um den Stern-Bericht und viele Diskussionen vergessen zu machen. Viele Wir haben das nicht vergessen, aber verdrängt.

(Bild: SWR/Krause-Burberg/Tatort-Fundus.de)


Nachtrag, 14.27 Uhr:
Das passt doch wunderbar dazu.

Kommentare:

Kim hat gesagt…

Der Tatort hat mich recht beeindruckt. Natürlich weiss ich auch nicht wie nahe oder weit weg von der Realität das ist. Beim Schauen kam mir der Gedanke, dass man diesen Tatort in der Schule zeigen müsste, dass sich alle bewusst werden, dass man das Recht hat, sich zu organisieren und wie dieses Recht mit Füssen getreten wird. Wo sonst könnte man eingreifen? Das System scheint ja zu funktionieren.
Bei dieser Billiger-Hysterie denke ich mir immer, dass wir vor nicht allzu langer Zeit noch erheblich grössere Teile des zur Verfügung stehenden Geldes in Essen investieren mussten – also würde es doch auch jetzt nicht so weh tun, gutes Essen für mehr Geld zu kaufen...
Denn viele, die billig einkaufen, hätten es wahrscheinlich nicht "nötig". Aber das funktioniert ja gar nicht so rational. Billiger ist halt auch zu einem "Wert" geworden. Und wenn alle andern zum "Billy" gehen, geht "man" halt nicht ins Reformhaus. Dann kann man sich dafür auch dieses Küchengerät leisten, das Karotten schält und nach zwei Monaten wieder aussteigt... Ist schon etwas traurig.
In der Schweiz ist es lustigerweise etwas anders, die zwei grössten Verteiler, Migros und Coop, haben zwar auch Billiglinien und liefern sich Preiskämpfe, sind aber Genossenschaften (was alleine zwar noch nichts heisst) und schauen mehr oder weniger für ihre Angestellten (Coop hat freiwillig vierwöchigen Vaterschafturlaub eingeführt, wenn ich das richtig im Kopf habe). Die Schweizer sehen sich glaube ich auch gerne als "anständig", keine Ahnung warum. Aber die Discounter sind auch hier am kommen :/

Anonym hat gesagt…

Genau so wie es im Tatort dargestellt wurde, ist es auch im Penny-Markt. Die Mitarbeiter werden z. B.mit Testkäufern gemobt und dann mit Abmahnungen gejagt. Der Gebietsleiter setzt die Mitarbeiter ständig mit Kündigungsdrohungen unter Druck. So geschehen im Bereich Bergischer Kreis (GL.)
Diese Jobs machen wirklich nur Menschen, die woanders keine Chance haben. Penny kann gute Mitarbeiter nicht lange halten. Entsprechend ist der Service die diesem Discounter. Hauptsache billig auf kosten der Mitarbeiter

Anonym hat gesagt…

Klarstellung:

Der Kommentar vom
10.Februar 2009 21:53 Uhr
von Anonymus
stellt keine Tatsachenbehauptung gegen den Penny-Markt dar
sondern eine subjektive Meinungsäußerung generiert durch Beobachtungen und Berichte.
Der Autor

Anke hat gesagt…

Ich finde es auf jeden Fall gut, dass der Tatort immer wieder so aktuelle Themen aufgreift. Auch wenn dann Lidl und co. mal vielleicht noch mehr in die kritik geraten. Über das nachzudenken, was unseren Alltag so tagein tagaus gestaltet, ist sicherlich nicht falsch. Viel zu wenige Leute machen sich doch wirklich noch Gedanken.